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Schlagbäume

Zwei Menschen.

Zwei Schlagbäume.

Auf dem Weg in einer Pandemie.

Schlagbäume

Kurzgeschichte, 2020

Veröffentlicht in:

bilder:reise.reise:bilder. Anthologie. Hrsg. v. Peter Schaden. Wien: edition fza 2021, S. 58-64

Der Wind streift die Grenze entlang, fährt durch Uniformtaschen, stellt Krägen auf, reißt Kappen runter und weht eine abgerissene Lautsprecherdurchsage durch den kleinen Spalt zwischen Fensterscheibe und Autodach.

„Ein humanitärer Korridor“, sagt eine weibliche Stimme, zuerst auf Deutsch, dann auf Ungarisch, Rumänisch und Bulgarisch. Sorin blickt in den Rückspiegel, auf dem Pannenstreifen nähert sich ein Polizeiwagen im Schritttempo, die Lautsprecherdurchsage wird immer lauter. Határ, frontieră, die Grenze, um das Land vor einer weiteren Infektionswelle mit dem neuartigen Virus zu schützen, halte sie die ungarische Regierung geschlossen, um einundzwanzig Uhr solle sie jedoch geöffnet werden, ein Transitkorridor bis in die frühen Morgenstunden, jedes Anhalten in Ungarn sei verboten.

Sorin sieht auf die Uhr. Es ist zwanzig nach eins, die Sonne steht hoch über der Autobahn, auf der sich Autos und Lastwägen dicht an dicht drängen, an die zwanzig Kilometer zieht sich der Stau, er muss fast bis zum Flughafen Wien zurückreichen. Sorin lacht kurz und heftig auf. Ist das ein Witz? Die Wut kocht in ihm hoch, mit beiden Händen schlägt er gegen das Lenkrad, sein Wagen hupt laut auf, der Mann im Lastwagen neben ihm öffnet die Tür, steckt den Kopf heraus, tippt mit dem Zeigefinger gegen seine Stirn. Sorin senkt beschämt den Blick, wiegelt mit der rechten Hand ab, es war ein Versehen, okay, da muss man sich doch nicht gleich so aufregen, Trottel.

Acht weitere Stunden Warten. Sorin kramt im Handschuhfach nach den CDs. Welches Hörbuch hat er auf der einsamen Reise von London nachhause noch nicht gehört? Seit zwei Tagen ist er unterwegs, hat sich in seiner beweglichen Zelle durch die schwarzen Nächte und wolkenverhangenen Tage geschoben, rastlos die Kilometer heruntergespult, nur kurze Schlafpausen eingelegt, mit niemandem gesprochen, nur hin und wieder Gesichter im Rückspiegel gesehen, aus dem eigenen Leben getreten, nein, von einem Tag auf den anderen hinausgeworfen. Die Außenwand seines Transporters trägt noch die Aufschrift seines alten Lebens, das bis vor drei Tagen seine Existenz gewesen war, Habasescu Hairdressing.  Der Wagen versteht nicht, was passiert ist, denkt Sorin. Niemand versteht gerade, was passiert, wie die Welt in wenigen Tagen von einem Zeitalter in ein anderes hinübergleitet, einfach so, unangekündigt.

Als junger Mann, als er in Temesvar noch Philosophie inskribiert hatte, hätte es ihm Spaß gemacht, die Hörbücher viermal, fünfmal zu hören und immer wieder neue Details zu entdecken. Jetzt, wo er seine Tage lieber damit verbracht hätte, Nacken auszurasieren, Haare zu färben und Stirnfransen gerade zu trimmen, langweilte ihn die Wiederholung. Nein, sie reizte ihn bis aufs Blut. Es ist lähmend, schon zu Beginn das Ende zu kennen, ebenso wie es unerträglich ist, vor einem Schlagbaum zu sitzen, der den stetigen Fluss des Weiterwanderns jäh unterbricht.

Als würde er freiwillig in das Kaff zurückfahren, denkt Sorin, als hätte er die Entscheidung aus einer Laune heraus getroffen, aus einem unbestimmten Gefühl von Heimweh, von dem die anderen Arbeitsmigranten in seinem Londoner Pub oft sprachen, die er nicht verstehen konnte, weil er nichts vermisste, gar nichts. Was sollte er auch vermissen? Gleichförmig war seine Jugend in Temesvar gewesen, farblos und wie ein einziger, endloser, wolkenbedeckter Tag, der sich zu keinem Höhepunkt aufschwingen wollte. Nein, es war kein Gefühl, das ihn zurücktrieb, überhaupt, Gefühle. Seine gesamten Aufträge waren innerhalb von vier Tagen storniert worden, Rücklagen hatte er keine, seine Mutter rief aufgeregt an, sie bekäme keine Luft, Atemnot, ja, so ein ungeheurer Druck auf der Brust, er solle sich auf den Heimweg machen, wer unterstütze sie sonst? Das Virus hatte sein Leben befallen, so wie es alles und jeden befiel, noch bevor er ein Kratzen im Hals spürte.

Jemand klopft an die Autoscheibe, Sorin schreckt hoch. Eine junge Frau in der Uniform des Roten Kreuzes hält ihm eine Wasserflasche hin. Hoch über ihrem Kopf fliegt eine Schar Graugänse über den wolkenlosen Himmel, ihre langen, grauen Körper in zwei Linien aufgefädelt, die vorne spitz aufeinander zulaufen. Die Gänse müssen keinen Abstand zueinander wahren. Damit keine Katastrophe eintritt. Damit sich das Ersticken verzögert, die statistische Kurve der Infizierten und Sterbenden langsam verflacht, eine kollektive mathematische Übung. Die Gänse ziehen wie sonst auch dahin, auf einem makellos blauen Himmel, den kein einziger Kondensstreifen durchschneidet.

Sollen sie, denkt Sorin, der in sich Neid erwartet hätte, den er nicht spürt. Sollen sie weiterziehen, während ich hier festsitze, zwischen den drei Punkten, die das Leben bereithält. War, ist, wird sein.

Humanitärer Korridor, Sorin lacht verächtlich auf, dass die sich nicht schämen, den Menschen solche Knüppel vor die Füße zu werfen, und dann mit wohlklingenden Begriffen zu bemänteln, aber gut, nicht, dass das etwas Neues gewesen wäre. Was sein wird, wird sein, denkt Sorin, lehnt sich in seinem Autositz zurück, den Kopf an die Scheibe gelehnt. Vielleicht kackt ja eine Gans herunter, dann hätte ich eine Geschichte zu erzählen. Berichtet dir keiner offen, von der Einsamkeit, da wie dort, und bleibt es am Ende nicht gleich?

 

Vierhundert Kilometer weiter östlich ist es windstill. Regen nistet sich in Zöpfen und Hemdkragen ein, rinnt Brillengläser und Windschutzscheiben entlang. Das Scheinwerferlicht des rumänischen Minibusses schimmert am nassen Asphalt, warum Dorian das Licht nicht abdreht, denkt Alina, irgendwann wird die Autobatterie leer sein und wir werden hier nie wieder wegkommen.

Ein ungarischer Grenzpolizist kommt auf den Minibus zu. „Setz dich“, sagt Dorian, als Alina von ihrem Sitz aufstehen will, er trommelt die anderen dreizehn Heimpflegerinnen zusammen, Badita scheint noch am Klo zu sein, niemand weiß, wo Zana steckt, der Platz neben Katalin ist auch frei, wer ist da gesessen? Der Polizist gibt Dorian irgendwelche Anweisungen, deutet mit dem Finger hinter die Leitplanke, dann drückt er ihm den Packen Pässe, den er ihnen zwei Tage zuvor abgenommen hatte, in die Hand und steigt aus. Dorian startet wortlos den Motor, der Bus rollt langsam an der Kolonne der anderen Autos vorbei, vor dem ungarischen Grenzübergang stellt ihn Dorian auf einem Parkplatz ab, schaltet den Motor aus. Sie sind immer noch auf rumänischer Seite.

Für einen kurzen Moment herrscht panische Stille. Dann bricht es aus den Frauen heraus, die Anspannung der letzten beiden Tage entlädt sich in einem wutentbrannten Schimpfen und Schreien. Was mit den alten Menschen jetzt werden solle, die in Österreich auf sie warten, wer den Lippenstift aus der Handtasche ungefragt genommen hätte, wer überhaupt die Nerven hätte sich in so einer Situation um ihr Aussehen zu kümmern, für die depperten Grenzler wären sie alle schön genug, für die alten Dementen sowieso, eine Verschwendung, das Ganze, was nun mit ihren Kolleginnen sei, die in Österreich vollkommen erschöpft auf Ablöse hofften, ob irgendwer was von ihnen gehört habe, wann sie denn nun etwas Vernünftiges zum Essen bekämen, das mit der Leberwurstbrotversorgung habe nun endgültig aufzuhören, ob Dorian das weitergeleitet hätte, was aus ihren Kindern in Rumänien werden solle, wenn sie nicht durchkämen und den Lohn nicht nachhause zurückbrächten, was die reichen Leute glaubten, die sich Quarantäne leisten könnten, sie würden doch den alten Menschen nicht so ein Virus anschleppen, sähen sie vielleicht wie Unmenschen aus?

Alina gräbt sich tief in ihren Sitz, zieht den Kopf unter ihre Jacke, die Stimmen flattern im Dunkeln weiter. David sitzt wohl gerade beim Esstisch und stochert im Essen herum, ihre Mutter wird mit ihm schimpfen, sie sei doch nicht eine Stunde in der Küche gestanden, wenn er da jetzt wegen ein paar Erbsen so einen Aufstand mache, dann wird sie ihn in den Arm nehmen, ihm über den Kopf streicheln. „Die Mama kommt bald zurück“, wird sie sagen, er wird mit den Schultern zucken, seinen Widerstand aufgeben und sich ein paar Erbsen in den Mund stecken. „Ist alles okay mit dir?“ fragt Dana, die neben Alina sitzt, und legt ihr die Hand auf die Schulter. Alina nickt stumm und lehnt sich gegen das Fenster, sodass Dana ihre Schulter loslässt. Tränen laufen ihre Wange hinunter, sie wischt sie unauffällig mit dem Ärmel ab.

Als wäre sie freiwillig aufgebrochen, als wäre es nicht die schiere Verzweiflung, die sie in die engen, dunstigen österreichischen Häuser triebe, die Aussicht auf ein bisschen Prosperität, das Versprechen, jedes Monat verlässlich Geld mitzubringen. Kein Begehren, kein Wunsch, der eine Richtung wiese, etwas leben zu wollen oder auch nur zu suchen. Alle, die sich dagegen auflehnten, rannten ins Leere, früher oder später, oft genug hatte sie das gesehen. Mircea hatte sich unter den Zug gelegt, Daria diesen Idioten geheiratet, Livia war mit ihrem Influencertraum im Konkurs gelandet. Aber wofür eigentlich nehmen wir die Rastlosigkeit und diese ständigen, unerträglichen Abschiede in Kauf?

Alina richtet sich auf, wischt mit ihrem Ärmel ein Stück der beschlagenen Fensterscheibe frei. Der Grenzübergang liegt menschenleer da, das Asphaltband zieht sich dunkel in die Ferne. Mitten auf der Fahrbahn bleibt eine Gruppe Graugänse stehen, die Jungtiere picken aufgeregt auf dem Boden, die beiden erwachsenen Graugänse lassen sie gewähren. Alina sieht ihnen zu, fast muss sie ein wenig lachen, wie tapsig die kleinen Gänse auf ihren Füßen stehen.

Recht habt ihr, denkt sie, nehmt es euch zurück, nehmt es euch alles zurück. Dann steht sie auf, schlüpft in ihre Jacke, nimmt ihren Rucksack, drängt sich an Dana vorbei nach vorne zu Dorian, deutet ihm, die Tür zu öffnen, steigt aus dem Bus. Niemand in den Autos, die sich in die Kolonne reihen, beachtet sie, auch aus dem Minibus winkt ihr keine zu.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, marschiert Alina den Pannenstreifen entlang, zurück in die Richtung, aus der sie gekommen sind.