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Lektionen

in dunkler Materie

5 Frauen, die ausrasten.

Ein Episodenroman

Wenn Menschen scheinbar aus dem Nichts ausflippen, steckt manchmal ganz schön viel dahinter.

Bei Ines Geiger etwa, die aus Frust auf ihren Arbeitsalltag nur noch positive Asylbescheide ausstellt.

Bei Heide, die mit ihrem kleinen Sohn den Kindergarten besetzt, weil die Öffnungszeiten für eine Alleinerzieherin ein Witz sind.

Oder bei ihrer Exfrau, der Astronautin Katalin, die angesichts einer sturen KI in ihrer winzigen Kabine auf der Raumstation ISS rabiat wird, während die Aktivistin Milka aus Protest gegen die Arbeitsbedingungen in der Lebensmittelindustrie im Supermarkt mit Tomaten um sich wirft.

Sie alle wollen etwas verändern, für sich persönlich oder im Großen.

Ein wilder Roman darüber, wie wir mit unserer Erde und uns umgehen.

erscheint im Februar 2022

Lektionen in dunkler Materie

Roman

erscheint am 28. Februar 2022 im Verlag Edition Atelier

Prolog

 

Der Aggregatzustand

 

Es lässt sich nicht sagen, was genau den Ersatzhandschuh dazu gebracht hatte, sich aus der Kiste zu lösen und von der Ladefläche im Inneren des Gemini-4-Raumschiffes langsam ins All hinauszuschweben.

Jedenfalls bemerkte der Astronaut Edward White, ganz in seinen ersten Weltraumspaziergang vertieft, nichts von diesem stummen Ereignis in seinem Rücken. Stoßweise bewegte er sich vorwärts, indem er mit seinem Pressluftgerät Tempo und Flugrichtung zu kontrollieren versuchte. Das nahm seine Konzentration derart in Anspruch, dass er nicht mitbekam, wie die Finger seiner linken Hand den Verbindungsschlauch, den er an der Außenwand austauschen wollte, zusammenquetschten, um seiner inneren Anspannung ein Ventil zu verschaffen. Der Schlauch behielt eine Delle, die die Wasserzirkulation im Raumschiff später zwar beeinträchtigte, nicht aber unterband.

Dieses Versäumnis konnte ihm in weiterer Folge auch nicht zum Vorwurf gemacht werden, denn wer hätte in dieser Situation den Spürhundinstinkt aufgebracht, auch noch auf einen unbedeutenden Handschuh in der Ersatzteilkiste zu achten? Als Korrektur wurde in den Protokollen der darauffolgenden Missionen die Notiz hinzugefügt, Ersatzgewand niemals ungesichert zu verstauen und auf gar keinen Fall etwas rumkugeln zu lassen. 

 

Der Handschuh entfernte sich inzwischen von seinem Zuhause, richtete es sich auf  einer der Erdumlaufbahnen gemütlich ein und galt lange Zeit als gefährlichstes Kleidungsstück des Universums.

Mit achtundzwanzigtausend Stundenkilometern, der gleichen Geschwindigkeit, mit der die Gemini 4 auf ihrer Umlaufbahn dahinglitt, raste er unkontrolliert durch das Weltall. Hätte er dabei einen anderen Körper getroffen, hätte er sich durch die freigesetzte Energie kurzzeitig wie eine Flüssigkeit verhalten, die diesen anderen Körper schockwellenartig durchrast (bei einem Druck von Millionen Kilogramm pro Quadratzentimeter verflüssigen sich feste Stoffe wie Metall und Plastik und verdampfen wie Quecksilber an der Sonne). Der getroffene Körper wäre zerrissen, der Satellit, die Raumstation oder der Versorgungstransporter zu unkontrollierbar schwebenden Einzelteilchen zersiebt, ein paar Menschenleben ausgelöscht, ein paar weitere beschädigt, GPS-Systeme und Datenübertragung auf der Erde lahmgelegt, Illusionen verletzt, Eitelkeiten vernichtet.

Während es den Astronauten White ein paar Jahre später beim unglücklichen Start einer anderen Mission zerfetzte, raste der Handschuh einsam ohne weiteren Zwischenfall vor sich hin und behielt seinen Aggregatzustand bei, bis er schließlich friedlich in die Erdatmosphäre absank, wo er leise verglühte.

Im Großen und Ganzen hatten die Menschen im Kosmos also nochmals ganz schön Schwein gehabt.