© 2018 Ursula Knoll

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zum Buch

"Kontaminierte Landschaften". Mitteleuropa inmitten von Krieg und Totalitarismus

 

Der Band befasst sich mit dem schweren Erbe von Krieg und Totalitarismus in Mitteleuropa. Er enthält die Texte von 21 Autor_innen  aus Tschechien, Polen, Ungarn, Österreich und Deutschland. Diese gehen in ihren Beiträgen der Frage nach, welche Rolle der Literatur bei der Aufarbeitung der Traumata der Vergangenheit zukommt. Besprochen werden die Werke zeitgenössischer Autor_innen wie Pollack, Weber, Bodor, Topol, Sabuschko u. a. sowie von Autor_innen, die aus unmittelbarer Zeitzeugenschaft heraus schreiben (Wojdowski, Buczkowski). Dabei soll auch aufgezeigt werden, welchen Beitrag die Literatur bei der Durchbrechung national beschränkter Erinnerungskulturen hin zu einer transkulturellen  (mittel-) europäischen Erzählung leisten kann.

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Ankommen. Literatur und Europa

Essay

In: "Kontaminierte Landschaften".Mitteleuropa inmitten von Krieg und Totalitarismus.

Eine exemplarische Bestandsaufnahme anhand von literarischen Texten

Hrsg. v. Alexander Höllwerth, Ursula Knoll und Helena Ulbrechtová

Berlin/Warszawa/Wien: Peter Lang Verlag 2019, S. 397-404

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1.

Jeden Morgen erwarten mich Momo, die Maus, Li, der Hase, Henrik, das Schwein und Willi, der Hund. In dünnen Bleistiftlinien auf Manuskriptseiten gezeichnet hält Momo Silbenschilder hoch, verschwindet Li hinter der großen Schultasche, winselt Willi, um danach mit dem Schwanz zu wedeln, und jagt Henrik dem Moment hinterher, an dem er sich verlieben könnte. Zusammen hocken sie auf den schön in Klarsichthüllen geordneten Papierseiten, zwei dicke Ordner, und warten, dass ich mich in Gang setze, mich in jede Menge Workflows stürze, damit sie illustriert und an ihren Platz gesetzt werden. Momo unter das M und O, Li unter das L und I, Willi unter das W und Henrik unter das H, das E, das N, das R und das K. Damit das Schulbuch, in dem sie sich tummeln, begutachtet, für gut befunden, wieder und wieder Korrektur gelesen, abgenommen und in Druck gegangen, in zwei, drei Jahren aufgeblättert werden kann, an dem einen oder anderen Morgen, in dieser oder jener Schule, in der sich Kinder an ihren Tisch gesetzt haben werden, um es endlich zu lernen: das Lesen, das Schreiben. Oder genauer formuliert, was es heißt, zu lesen und zu schreiben: der Geschichte einer anderen zuzuhören, ihr zu folgen, mit ihr mitzugehen, sie als Anlass zu nehmen, die eigene Welt zu durchdringen.

Nicht jeden Morgen freue ich mich, Momo die Maus, Li, den Hasen, Henrik, das Schwein oder Willi, den Hund, zu sehen, und nicht jeden Morgen lasse ich mich gern von ihnen antreiben. Manchmal gehen sie mir auf die Nerven. Manchmal bin ich zu müde. Manchmal würde ich lieber an die Luft gehen und die alltäglichen Mühen und Reibereien des Verlagbetriebes aufschieben, in einen Bus steigen und mich absetzen. Jetzt also bin ich angekommen. Es ist ein widersprüchliches Ankommen, dessen Schauplatz ausgehend von den biografischen Details grob gefasst der dritte Wiener Gemeindebezirk und die Arbeit an einer Fibel darstellt. Angestoßen wird es von der Frage nach dem warum und wie ankommen? in einem Mitteleuropa, das seit beinah zwei Jahrzehnten immer weiter ins Autoritäre abgleitet, seinen Fluchtpunkt hat es in dem Wunsch nach einem alternativen Modell politischer und gesellschaftlicher Organisation. Das haftet ihm wohl auch an, dem Angekommensein, das ich mir lange gewünscht habe, nach mehreren Jahren des Herumziehens, von Washington DC über Prag schließlich zurück nach Wien, dass es eine träge, sich wiederholende Facette hat, die manchmal, nicht bleischwer aber schwer, die Freude dämpft, mit der ich meinen neuen Freundinnen und Freunden begegne.

Schulbücher sind nicht nur Unterrichtsbehelfe. In der Auswahl ihrer Inhalte, ihrer Bildpolitiken und ihrer Adressierung geben sie Aufschluss über die normativen Regeln einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es ist ein Privileg, an einem Buch arbeiten zu können, das versucht, Kindern zu vermitteln, welchen Wert Literatur, welchen Wert das Geschichtenerzählen hat, um ein mündiges Mitglied in einer Gesellschaft zu werden, indem es sie einlädt, die Perspektive einer anderen nachzuvollziehen zu lernen. Das Lesen, das Schreiben, das Mitlesen, das Mitschreiben von Literatur als Voraussetzung und Notwendigkeit, die eigene Welt als geteilte Wirklichkeit zu durchdringen, bleibt der Glaubenssatz, an dem ich, seit ich ein Kind war, festhänge, manchmal strampelnd, manchmal inbrünstig, manchmal gleichgültig, ein Steigbügel in den wirklich finsteren Momenten, ein Kleiderbügel, an dem mein Gewand aufgehängt ist, das ich runternehme und anziehe, wenn ich etwas über mich behaupten will. Denn es ist die Literatur, die über die Mittel verfügt, die dafür notwendigen Welten zu erschaffen, als Denkraum, als Modell, als Erfahrungsschatz, als Raum der Begegnung mit Menschen und Verhältnissen. Wirklich, warum denn gerade Literatur?

 

 

2.

In ihrem Buch Das Europa der Literatur geht Anne Kraume Europavorstellungen in der Literatur nach, wie sie zu zwei spezifischen Momenten, nach dem ersten und dem zweiten Weltkrieg, also jeweils nach dem Erleben einer radikalen Krise und Gewalterfahrung, literarisch formuliert worden sind. Im Zusammenlesen von Texten von Autoren, die an irgendeinem Punkt in ihrem Leben einer Exilerfahrung ausgesetzt waren und das Exil als erzwungene Bewegung innerhalb des europäischen Raums bzw. auch in den außereuropäischen Raum fassten, folgt Kraume den Entwürfen eines literarischen Europas der Denk- und Lebensmöglichkeiten, der physischen und psychischen Lebenswirklichkeiten. Das mit literarischen Mitteln entworfene Europa, so Kraumes These, unterscheidet sich vom real existierenden insofern, als Literatur einen Raum schaffen kann, in dem Fragen aufgeworfen und Entwürfe modelliert werden, die es so nicht gab, nicht gibt, nicht geben wird. Europa erscheint im literarischen Raum als tatsächlicher Ort, als Idee, als Ansammlung von Werten, als geistige Tradition, als sozialer Raum, als kulturelle Identität, als politische Vision, als Nostalgie und Utopie. Als praktisch fast alles. Was auch heißt: als Chiffre, die sich mit jedem Wind dreht und drehen kann. Die darin liegende Unschärfe nimmt Kraume zum Ausgangspunkt ihrer These, denn gerade die Verweigerung einer begrifflichen Festlegung erlaubt der Literatur, all diese Dimensionen einer Vorstellung von Europa zunächst einmal verhandelbar zu machen, gegeneinander oder miteinander laufen zu lassen. In einer Art und Weise, und das ist Kernaussage ihres Arguments, „[...] wie es mit anderen als literarischen Mitteln nicht zu erlangen wäre.“ Wäre es nicht? Wieso? „Der Mehrwert der Literatur im Vergleich zu anderen Diskursformationen, den diese Vorstellung impliziert“, so führt Krause in ihrem Nachdenken über Literatur als Formulierung von Möglichkeiten aus, „liegt eben darin begründet, dass die Literatur kulturelle ebenso wie politische und geographische Grenzen nicht nur ausloten, sondern sie tatsächlich in Frage und zur Disposition stellen kann. Ein so verstandenes literarisches Europa der Denkmöglichkeiten wäre damit immer Utopie – es könnte aber zugleich ein Modell darstellen, durch das das real existierende Europa in unterschiedlicher Weise beeinflusst und geprägt würde.“

Der Anspruch, zwar im Konjunktiv aber mit Vehemenz formuliert, ist hoch. An die Literatur wird hier ein wirklichkeitsveränderndes Potential herangetragen: sie ist Möglichkeitsraum, als Impulsgeberin, nicht als eskapistisches oder kompensatorisches Versprechen. Methodisch überträgt Kraume diesen Anspruch, indem sie das Europa der Literatur nicht als Begriff, sondern als Bewegung fasst. Gegen ein „[...] rein begriffliche[s], statische[s] Verständnis“ von Europa setzt sie ein Europa „in einem metaphorischen und insofern essentiell beweglichen Sinn“, das, konsequent zu Ende gedacht, in einer „Hypothese von Europa als unabschließbarer Bewegung“ zum Ausdruck kommt.

Untermauert wird diese Verschiebung gerade durch das, was Literatur im Unterschied zu anderen Redeweisen auszeichnet: Indem sie ihre eigenen diskursiven, formallogischen Bedingungen permanent ausstellt, verdichtet und verhandelt Literatur nicht nur, sie zeigt und zeigt nicht, dass und wie sie das tut. Neu ist weder der Literaturbegriff noch dessen Umlegung auf dieses schemenhafte Europa, das also nicht begrifflich festgezurrt werden, sondern volatil, in einer übertragenden Bewegung herumgeistern soll. Als Denkaufgabe und –projekt hingegen ist es bestechend.

Ich halte Kraumes These für eine ganz wichtige Erinnerung in einer Situation, in der die großen Veränderungen, die mit diesem Europa gerade vor sich gehen, seismographisch spürbar sind, gleichzeitig aber, aus Unwillen, aus Unvermögen, aus was auch immer heraus konzeptuell nicht durchdrungen werden, in der sich manchmal die Angst breit macht, manchmal der Frust, vom zu langen Zuhören der immer gleichen, offiziellen Sätze, die manchmal bedrohliche, manchmal berechnende, manchmal zynische, manchmal versöhnliche Hülsen anbieten, in denen sich dieselben alten und neuen Rassimen und Sexismen tummeln, deren Konsequenzen, wir erleben es, eine Wirklichkeit schaffen, die ich nicht will. Es hilft mir, weder dem Frust noch der Angst zu folgen. In Kraumes Schlussfolgerung zu ihrem eigenen Text findet sich wieder der Konjunktiv, der den zuvor formulierten Anspruch in seiner Größe zurechtstutzt, nicht aber, seiner eigenen Logik folgend, zurücknimmt: „Am Ende soll deshalb nicht die Frage beantwortet sein, was Europa wirklich ist – wohl aber diejenige, was es unter bestimmten Bedingungen hätte sein können oder hätte werden mögen.“

Während Kraume also antwortet, bleibe ich jenseits der Antwort, dem Ende, dem hätte sein können oder werden mögen, an der Verschiebung hängen, die das Antwortfinden hier rahmt. Den Gedanken, das literarische Europa als metaphorische Figur statt als fest umrandeten Begriff zu fassen, übernimmt Kraume von Daniel Weidner, der in seinem Vorwort zum Sammelband Figuren des Europäischen die Möglichkeiten der Kulturwissenschaften reflektiert, über Europa ebenso wie über ihre eigenen theoretischen und methodologischen Zugriffsweisen kritisch nachzudenken. Auch Weidner beschreibt die Art und Weise, wie über Europa gesprochen wird, als eine Geste, die sich zwischen zwei Polen aufspannt. Einerseits, so Weidner, gibt es die statische Vorstellung von Europa als einem Erbe, andererseits jene des Projekts: „Die Rhetorik der europäischen Integration wird auf allen Ebenen von Metaphern der Bewegung, des Wegs, des Aufbaus dominiert: Europa erscheint als ein Prozess der fortschreitenden Europäisierung, als ein Projekt, in dem sich alles Handeln an der Zukunft ausrichtet.“ Das Europa, das darin fassbar wird, ist ein konkret nicht zu fassendes Erbe, das sich als Projekt auf den Weg gemacht hat und über diesen Widerspruch stolpert. Weidner erteilt beiden Vorstellungen eine klare Absage: Das Scheitern der europäischen Verfassung hat die Krise des scheinbar unaufhaltsamen Projekts offenkundig gemacht. Auf der anderen Seite hat die Vorstellung einer ‚Identität‘ Europas ihre Unschuld verloren – theoretisch seit der poststrukturalistischen und postkolonialen Kritik hegemonialer Identitäten, politisch seit der Debatte über den Türkeibeitritt.

Weidner sieht das kulturwissenschafliche Potential, alternative Formen des Sprechens über Europa zu entwickeln, die der Dichotomie Erbe-Projekt entkommen, nach der Absage an Großtheorien und in Anlehnung an Benjamins und Auerbachs Entwürfe eines „perspektivischen Verstehens“ in konkreten, genauen Lektüreoperationen, die sich auf Figuren beziehen. Kulturwissenschaftliches Engagement besteht demnach, so Weidner, in einer Lektüreoperation, "[...] die nicht von verallgemeinerungsfähigen Sätzen ausgeht, sondern sich auf Phänomene konzentriert, in denen dieses Allgemeine (noch) nicht (oder nicht mehr) stabil ist. Solche Fälle kann man auch als Figuren bezeichnen, in dem Sinne, als die rhetorischen Figuren bestimmte Formen einer Abweichung von der (grammatischen) Regel sind, die eine neue Bedeutung artikulieren und durchsetzen können." Darin wird der Mehrwert der Unterscheidung zwischen rhetorischer Figur und Begriff deutlich, gerade auch in Bezug auf Europa und dem, was Literatur, Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft als Redeweisen, die dieses Europa wirklich machen, leisten können. Denn, so Weidner weiter: "Rhetorische Figuren haben keine festen Verbindungen wie Begriffe, Konzepte oder Ideen, sie haben etwas Vorläufiges, Vorsichtiges, aber gerade darin ist es ihnen auch möglich, Grenzen zu überschreiten und in dieser Überschreitung auch aufzuzeigen. Sie können neue Ausschlüsse produzieren, verbinden Sichtbares mit Sinn und geben den Dingen einen Ort, sie übersetzen aber auch Phänomene in andere Register und sorgen dort für Prägnanz, wo diese nur durch Konzepte und durch Techniken nicht hergestellt werden können."

Ich bin Anhängerin geworden von allem, was vorsichtig und vorläufig sein will, was einen Versuch darstellt, etwas Wirkliches über sich zu sagen und den Dingen einen heuristischen Sinn und Ort bereitstellt, die beweglich bleiben können. Gebündelt wird das in der Figur der Figur, sei es als Topos, als Trope, als Bild, als Diskursfigur oder eben als meine Freundinnen und Freunde. Auch Ankommen ist eine Figur. Und Ankommenkönnen ist ein Privileg. Ich habe das Glück gehabt, in einer Position zu sein, die den Versuch, ankommen zu wollen, zulässt. Er wurde mir nicht verweigert. Ausdrücke wie vorläufig, vorsichtig und beweglich kriegen da ein anderes Gewicht.

 

3.

2011 veröffentlichte Shumona Sinha ihren schmalen Roman Erschlagt die Armen!. Zornig erzählt die Ich-Erzählerin, Dolmetscherin bei einer französischen Asylbehörde, darin von den Verrenkungen, die die Rechtsnormen des europäischen Asylsystems den Geschichten der Antragssteller_innen abverlangen. Als Übertreiben, Verstellen, Aufblasen beschreibt sie die sprachlichen Manöver, mit denen die Männer und Frauen die Schilderungen ihrer Fluchtgründe für ein Publikum von BeamtInnen und AnwältInnen aufbereiten, und die sie tagtäglich übersetzt. Es sind Geschichten, die Wirklichkeiten schaffen müssen, um die Möglichkeit des Ankommens zu erringen. Es sind Wirklichkeiten, die schief in den rechtlichen Rahmen, der politisches Asyl zu- oder abspricht, eingepasst sind. Sich weder auf die Seite der weinenden Männer noch auf die Seite der verwaltenden Beamt_innen schlagend, verfängt sich die Ich-Erzählerin zunehmend in diesen Figuren, und ihr eigener Text webt sie klug, bilderreich, mitreißend mit. Halb stellt er die gespielte, die verstümmelte, die aufbrausende Wut jeder Seite aus, halb lässt er sie nachvollziehbar werden, in seinem eigenen, sich gegen alles richtenden Sprechen. Das Widerständige, das in der Lektüre des Romans nachklingt, liegt nicht in der Wut, es liegt in einer seltsam unbeugsamen Präsenz, die die Ich-Erzählerin ihrer Redeweise in diesem Dazwischen, in das sie geworfen ist, verleiht. Sie versucht nicht, die Widersprüchlichkeiten in die eine oder andere Richtung aufzulösen, vielmehr beharrt sie auf der Notwendigkeit des Erzählens und sturen Wiedererzählens als einer Form von (erzwungener) Existenz, der einzig möglichen Existenz:

"Eleutheria, die Freiheit, beschreibt die Möglichkeit, zu gehen, wohin man möchte. Ob Tier oder Mensch, der Wunsch zu gehen, wohin man möchte, ist unveränderlich. Ob Grieche oder nicht, frei ist niemand. Sie waren es nicht, keiner dieser Männer, die wir in unseren Büros empfingen, war frei. [...] Sprechen ist eine Freiheit. Eine magere, aber immerhin. [...] Sie definieren ihre Freiheit, wie sie eben können. Umherzuirren, wo sie möchten. Zu wachsen, wie sie können. Gebeugt, unförmig, buckelig, in Kellern zusammengepfercht, sprießen sie in der Nacht und schlagen Wurzeln in einem Land, das sie nicht lieben, aber begehren."

Am Ende wird die Ich-Erzählerin ebenso wie die Antragsteller_innen in einem Europa angekommen sein, das ihnen Zugehörigkeit verweigert, eine Existenz im Untergrund aber zugesteht, folgerichtig ein prekäres Ankommen in einem prekären Zuhause:

"Man rasiert sich die Beine und wird unterwegs jemand anderes, man verkleidet sich, hat eine neue Haut, versteckt sich unter einer neuen Maske. Die unterirdischen Völker leben versteckt unter der Fuchtel der Grande Nation, setzen sich über die Gesetze hinweg, profitieren von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, während die Armen immer ärmer werden, ihr Land von Kalis tausend Zungen verschlungen wird, ihr Land aus den Tiefen der Bucht wieder auftaucht wie die Rücken von Riesenschildkröten, während die Armen Gemüse, Spinat und Radieschen verkaufen und gleich vor Ort sterben, während die Aktivisten, die recht haben, und die, die nicht recht haben, einen erbitterten Kampf führen, einander umbringen, Männer wie Bananenstauden fallen, während die kleinen Händler ihre Geschäfte verkaufen und die Schleuser bezahlen, in der europäischen Stadt auftauchen, schreien und weinen, Ansprüche erheben und fordern und schließlich diejenige beleidigen, die ihnen ähnlich ist und sie verrät."

Es ist die Figur der Eidechse im Sand, mit der das Schlusskapitel überschrieben ist und die die Schilderung der Lebenswirklichkeiten nur auf Abruf geduldeter, staatenlos gemachter Menschen, die die gegenwärtige europäische politische Verfasstheit produziert, in einer Metapher bündelt. Wie die anderen Geduldeten macht sich die Ich-Erzählerin auf in die Stadt, eine Eidechse unter vielen, gefangen in einem ununterbrochenen, ziellosen Streunen. Ihre prekäre Vermittlerinnenposition hat sie aufgegeben, was die Konsequenz daraus sein wird, bleibt offen: „Ihr großer Schlund lockt mich wieder. Die Wege durch ihr Labyrinth sind das einzige Leben, das ich kenne, die einzige Wohnstatt, die ich kenne. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen.“ Uneindeutig bleibt, was hier mit „nach Hause“ gemeint ist, durch die Metaphorisierung überträgt der Text den scheinbar eindeutig festmachbaren Sinn des Zuhauses in eine diffuse Bewegung, die sich nicht stillstellen lässt. Über die Metapher der Eidechse wird die Ich-Erzählerin den „unterirdischen Völkern“ zugeschlagen, Solidarität oder ungebrochene Zugehörigkeit erzeugt das hingegen nicht, Beleidigung, Verrat und die unüberbrückbare Differenz der Existenzmöglichkeiten, die durch Status und Sprache vorgegeben werden, heben sich nicht auf.

Es sind die politischen Bedingungen, auf die die Literatur ebenso reagiert wie sie sie auch mitentwirft. Was Shumona Sinhas Ich-Erzählerin als Eidechse auch unterwandert, ist ein europäischer Raum, dessen emphatisches diskursives Beharren auf der Erklärung der Menschenrechte die immer noch inkonsequente Auseinandersetzung mit den eigenen geschichtlichen Verwerfungen überdeckt, die den rassistischen Reflex erst erklärbar machen, der sich an der Frage nach dem Umgang mit den Geflüchteten in den letzten Jahren drastischer als zuvor abbildet. Denn was anderes soll die Ich-Erzählerin finden, wenn sie sich in den Untergrund aufmacht, als das, was dort im zwanzigsten Jahrhundert eingelagert wurde?

 

4.

Vor meinem Haus ist ein Stolperstein in den Gehsteig eingelassen. Auf der Franzensbrücke zieht sich, von der Sonne ausgebleicht, ein Schriftzug entlang, der eine kurze Liebesgeschichte anreißt, die vernichtet wurde, wie so vieles andere hier auch, durch die Erfahrung des Nationalsozialismus, das heißt durch Vertreibung, Enteignung, Massenmord und das bis heute andauernde Schweigen darüber. An der Kreuzung bei der Ampel bricht der Schriftzug ab, es bleibt unklar, was mit dem jungen jüdischen Mann weiter passiert ist, der hier gezwungen worden war, die Brücke mit einem antisemitischen Spruch um den Hals auf und ab zu laufen, und wie es weitergegangen ist mit der Frau, die sich an seinen schüchternen Blick auf der Parkbank erinnert.

Auf meinem Schreibtisch liegen die Skizzen von Momo, Li, Henrik und Willi verstreut neben dem Roman von Shumona Sinha, Anne Kraumes Monographie und dem kulturwissenschaftlichen Sammelband. Während sich die Ich-Erzählerin ihre Eidechsenhaut überstreift und der unbekannte junge Mann wahrscheinlich ermordet worden ist, wird Momo, die Maus, ihrem Freund Li am Ende Mut gemacht haben, sich doch am ersten Schultag in die Klasse zu trauen, der Hund Willi hingegen findet sich ein neues Zuhause. Ob das mit dem Verlieben beim Schwein Henrik klappt, bleibt offen, wie immer eine der schwierigsten Fragen von allen. Sie alle durchdringen meine eigene Wirklichkeit und fügen sich zu keiner Ordnung. Jedenfalls aber gehören wir jetzt zusammen.

In einem Moment, in dem sich in Mitteleuropa die autoritäre Wende immer stärker bemerkbar macht, in dem auf die sozialen Verwerfungen mit der Stärkung präfaschistischer Rhetoriken und Strukturen geantwortet wird und über das permanent wiederholte Blöken ‚wir gegen die anderen‘ das erreicht wird, was erreicht werden soll, nämlich die Spaltung von Gesellschaften, halte ich zwei Dinge für unabdingbar: Dieser Sammelband ist ein notwendiges Buch in einer langen Reihe von notwendigen Büchern und einer ebenso langen Reihe von noch zu schreibenden notwendigen Büchern, die genaue Lektüren dessen anbieten, welche Erfahrungen mit der Gewaltförmigkeit autoritärer und totalitärer Politiken in diesem Europa schon gemacht wurden und welche Strategien gerade die Literatur anbieten kann, deren Bedeutung zu erinnern, zu artikulieren, durchzusetzen oder auch andere Gewichtungen als im politischen oder historischen Diskurs vorzunehmen. Lektüren also, die bestimmten Figuren nachgehen, statt von verallgemeinerungsfähigen Sätzen auszugehen. Die unabdingbare Forderung „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ als verallgemeinerungsfähiger Satz, der all diese Texte grundiert, wird darin zu erzählten Geschichten und Interpretationen von Erfahrung. Mit jedem Text werden diese Interpretationen ein Stück weit lebendig, durchdringen die eigene Wirklichkeit und erweitern somit den Raum dessen, was erfahrbar gemacht und darüber geteilt werden kann. Denn die Erfahrungen der Totalismen des Nationalsozialismus wie des Stalinismus und ihre Konsequenzen sind nicht in drei, vier Generationen aufgearbeitet. Das betrifft die Tradierungen innerhalb von Familiensystemen ebenso wie einen politischen Diskurs, in dem neofaschistische Aussagen und Haltungen wieder ganz ungeniert zur Schau getragen werden können und auf große kollektive Zustimmung treffen in einem Klima, in dem Rassismus und Sexismus unhinterfragt den Ton angeben und den Rahmen bereitstellen für die Sprechakte, die überhaupt getätigt werden können. Die Aufgabe heißt unverändert: weiter erzählen und Gegenerzählungen stark machen. Zweitens ist ein Sammelband genuin ein Buch, das verschiedene Stimmen zueinander in Bezug setzt, die sich ergänzen, sich gegenseitig erhellen oder auch widersprechen können. Ihre Kraft bekommen die Texte gerade auch aus dem Zusammenlesen, an dem Moment also, an dem die Lektüre über den konkreten Einzelfall hinausgeht und sich ein Netz spannt, das seine eigene Verweisstruktur etabliert und eben nicht auf eine alleingültige Aussage hin zurechtstutzt. In einer Phase des gesellschaftlichen Backlashes, die wir nun seit beinah zwei Jahrzehnten durchlaufen, in dem Errungenschaften aus dem ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert, von denen wir glaubten, dass sie sich etabliert haben (wie ein halbwegs geteilter antifaschistischer Grundkonsens zum Beispiel), wieder gefährdet sind und gestärkt werden müssen, halte ich es für wichtig, sich jeden Tag aufs Neue zu erinnern, wie notwendig es ist, den Anspruch kulturwissenschaftlicher und literaturwissenschaftlicher Forschung ernst zu nehmen, wie er in den Ursprüngen der Cultural Studies formuliert worden ist: kritische Forschung mit politischem Eingreifen zu verbinden, sich für jene Figuren des Europäischen einzusetzen und zu kämpfen, die ein Ankommen in einer Gesellschaft ermöglichen, die sozialen Zusammenhalt über eigenen Profit stellt und sich ganz klar gegen einen Rückfall ins Autoritäre ausspricht. Dafür müssen wir mit aller Verhemenz eintreten. Mit den Mitteln der Literatur. Mit Lesen und Schreiben. Das geht nur gemeinsam.

 

 

 

Literatur

Anne Kraume (2010): Das Europa der Literatur. Schriftsteller blicken auf den Kontinent 1815-1945. Berlin/ New York: De Gruyter (Reihe mimesis)

Daniel Weidner (Hrsg.) (2006): Figuren des Europäischen. Kulturgeschichtliche Perspektiven. Paderborn/München: Fink

Shumona Sinha (2015): Erschlagt die Armen! Hamburg: Edition Nautilus