© 2018 Ursula Knoll

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Foto: Ursula Knoll

aus: Die Sicherheit der Sicherheit

UA November 2015

Theater Nestroyhof Hamakom Wien

wiener wortstätten

Die Ministerin legt sich schlafen

 

Ich spüre es, bevor ich ihn sehe, noch bevor er sein Objektiv auf mich gerichtet hat. Er versucht einen Ausdruck in meinem Gesicht festzuhalten, etwas, das meine Professionalität aufweicht, das mir eine persönliche Note gibt, ein Kommentar zu dem, was hier geschieht, an dieser Grenze, in diesem Lager, als Gefühlsausdruck. Er lauert mir auf. Dauernd lauern sie mir auf. Manchmal haben sie  einen Bart, manchmal sind sie jung, meistens schicken sie mir einen Routinier, selten ist es eine Frau. Was erwarten sie zu sehen, hinter ihren Kameras? Jeden Tag sehen sie mich. Dieser ganze Pulk, der sich aufbaut vor mir, den Stapel Mikrofone zu einem Fächer geschlichtet, der mich erwartungsvoll ansieht, damit ich ausformuliere, was zu tun ist, in einer logischen Abfolge von Handlungen und Schlussfolgerungen, eine Haltung, ein Gesicht, eine Miene. Dass wir also nur durch das drohende Chaos zu einer besseren Ordnung kommen können, ist schlüssig. Anstrengend, aber schlüssig. Ja, das sehen Sie doch selbst, wie das hier aussieht. Mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln arbeiten wir an Lösungen, und das nicht erst seit heute. Haben Sie also Geduld, Vertrauen in die Struktur, die wir bereitstellen, sie braucht das Chaos, es wird uns nichts geschehen. Wie soll denn etwas gerade nicht aus seinem Gegensatz entstehen? Dass sich eine tiefgreifende Veränderung immer zwischen ihren beiden äußersten Polen hin und her bewegt, ist eine Binsenweisheit. Verstehen Sie es als ein Zeichen unserer gemeinsamen Stärke, ja, natürlich,  gerade auch die Uneinigkeit und die Unklarheiten, als wohlüberlegter Beschluss nach vorausschauender Ausverhandlung aller Einwände der beteiligten Seiten, mit Blick auf das Menschliche und mit Augenmaß.  

 

Keine weiteren Fragen. Sie schalten ihre Kameras aus, bauen alles hastig wieder ab. Den Pressetermin pünktlich absolviert, jetzt der Lagerbesuch, der Fotograf heftet sich an mich, wenigstens ist er schnell und routiniert.  Wir gehen in das riesige Zelt, er sieht sich um. Was sucht er denn? Ein Foto erzählt nichts darüber, wie diese Menschen riechen, ungewaschen, nach Erschöpfung, nach Angst. Nach Warten in dieser Mischung aus eigenem Geruch, dem Geruch der vielen anderen und dem Schmutz, vom vielen Draußensein. Als ob er sich an meine Naseninnenwände festheften würde, den ganzen Tag lang. Auch an der Hand bleibt er haften. Wartet weiter. Ein Gemeinderat, oder was seine Funktion ist, kommt auf uns zu, führt uns durch den Raum, eine herausfordernde Aufgabe, natürlich, im Rahmen der Möglichkeiten, das liegt ja auf der Hand, ein unabdingbarer Schulterschluss, jeder tut, was er kann. Es wäre nicht nötig gewesen, in jede dieser Hallen und Zelte zu gehen. Das nächste Mal beschränken wir die Tour auf eine halbe Stunde, die Bilder gleichen sich. Die abgerissenen Geschichten auch. Aussortieren muss man sie sowieso in Ruhe. Diese zwei jungen Mädchen. Wie sie da stehen, selbstsicher, überzeugt, jeder Handgriff sitzt, flinke Hände in Einweggummihandschuhen, die Gesichter freundlich, aufgeschlossen, sie geben einer Frau einen Becher Tee, falten Decken, die eine geht mit einem Müllsack durch das Zelt, sammelt Essensreste, liegengebliebene Kleidungsstücke auf, wirft einem Kind ein aufmunterndes Lächeln zu, die andere schäkert mit einer kleinen Gruppe junger Männer, ein paar Brocken Pashto, die Männer lachen, dann weist sie einen Ehrenamtlichen zurecht, er soll mitgebrachte Sachen nicht einfach so auf einen Haufen legen, es sei ja alles geschlichtet, hier kommen Jacken hin, dort Westen und pulloverähnliche Dinge. Der Fotograf und ich brauchen uns nicht abzusprechen. Wortlos steuern wir auf sie zu, der Gemeinderat bahnt uns den Weg, plump schiebt er seinen Körper durch das Gedränge, ohne jemanden zu berühren, auf eine verschrobene Art sehr achtsam, er hält den Raum um uns und zwischen uns offen, „Ist es Ihnen Recht?“ fragt er die beiden Mädchen, „nur kurz ein Foto, mit der Frau Minister?“, und schiebt mich mit leichtem Druck auf meinem linken Ellbogen näher an die beiden heran. Der Fotograf hat alle seine Einstellungen gefunden, er sieht kaum auf von seinem Apparat, das Objektiv ist ausgerichtet, ich strecke einem der Mädchen die Hand entgegen. Sie hebt ihren Arm, zögert. Sie senkt den Arm wieder ab. „Nein“ sagt sie, laut, fest, „mit der geh ich auf kein Foto, aus der Krise zu profitieren, indem Sie einfach sitzen, warten und aussitzen und rumschieben, Menschen, Verantwortung, Entscheidungen. Schämen Sie sich nicht?“ und dann dreht sie sich um, nimmt einen Stoß Gewand, erzwingt sich den Weg zwischen mir und dem Gemeinderat durch. Ich drehe mich in die andere Richtung, mit solchen Menschen ist es zwecklos, ein verwöhntes junges Ding, mutig, ja, es ist der Mut des Naiven, sie wird ihre Schritte schon noch gehen müssen, das müssen wir alle, früher oder später. Der Fotograf zielt auf mein Gesicht, er drückt zu spät, es muss schon mein Hinterkopf sein in der Drehung, als ich das Klicken höre, meine Wangen sind heiß, im Hals verbeißt sich der ewig alte Hund, ich sauge die Luft ein, dieser widerliche, abgestandene Geruch, ich gehe aus dem Zelt, mit jedem Schritt  fange ich mich, kühle Herbstluft, sauber, frisch, sie schneidet in der Nase, strömt kalt bis in die Nasenwurzel, beruhigt den Puls. Der Gemeinderat soll rabiat geworden sein, sagt mir der Fotograf später, eines der Mädchen habe er angepöbelt, mit der Faust hingelangt oder gestoßen, ich weiß es nicht mehr, nun gut, das kann durchaus sein, die Anstrengung geht vielen nahe. Der Fotograf hat sein Foto bekommen. Absatz wird er keinen finden, ein Gemeinderat außer sich macht keine Ikone. Anfänger.

 

Als wir das Lager verlassen, stehen sie wieder da, die beiden jungen Frauen, die freche hat geweint, aus Wut nehme ich an, ihr Blick ist zornig und kalt. „Schlafen Sie gut“, sagt sie. Ich lächle.  Es gibt verschiedene Formen, zur Wirklichkeit Nein zu sagen. Sie wird nachhause gehen und sich beruhigen, die Aufregung wird sie erschöpft haben, wahrscheinlich gehört sie zu den Menschen, die sich hinlegen und weg sind, vielleicht grunzt sie kaum hörbar, drei Minuten, nachdem sie sich ausgestreckt hat, dreht sich noch ein oder zwei Mal auf die eine oder andere Seite, und hat einfach vergessen, was rund um sie ist, das Losgelöstsein stellt sich ein wie von selbst. Das Losgelöstsein war schon da, bevor sie sich hingelegt hat. Sie ist selbstbestimmt und  engagiert, das ist dankbar, es lenkt ab von vielem, darauf kann man sich ausruhen, das wirft keine unangenehmen Fragen auf. Dieses Kind braucht kein Wiegenlied. Es hat die Gewissheit, dass die Welt morgen noch da ist, in ganzen Stücken. Ich werde ihr die vier Stunden Schlaf, die mir bleiben, jede Nacht, zwischen Pressetermin, Klausur, Interview, strategischer Absprache, Briefing, Bestandsaufnahme und Rücksprache nicht vorrechnen, zwecklos, so etwas prallt ab an diesem ausgeschlafenen Mädchengesicht. Ich werde ihr nicht erklären, auf wessen Leistung sie schläft. Die Stärke des Geltenlassenkönnens, antworte ich, das sei die Chance, in diesem historischen Bruch. Ihre Wangen werden rot, sie weiß genausogut wie ich, dass Macht körperlich ist. Das andere Mädchen hält sie zurück, ich gehe weiter, jetzt verbeißt sich der Hund in ihren Hals. Natürlich brauchen wir einen Zaun. Sich abgrenzen können ist die Grundbedingung, den anderen eine Armlänge von sich weghalten, um zu verstehen, was er vorhat, um vorwegzunehmen, was kommt. Ich spüre es in meinem Rücken, wie sie tobt, sie gestikuliert wild, wirft eine Plastikflasche auf den Boden, das andere Mädchen streichelt ihren Rücken. Sie wird es noch lernen. Das schleift sich erst ein mit den Jahren, mit gelebter Erfahrung. Wir müssen beginnen zu verstehen, wie wichtig es ist, die Abläufe in ihrer Reihenfolge einzuhalten und auf Distanz zu bestehen. Wir müssen die Anstrengung ernst nehmen, die es braucht, um bei sich zu bleiben, in ganzen Stücken, ein Arsenal an Ritualen, die sicherstellen, dass der Tag morgen anbricht. Nur weil der Wind heute aus dieser Richtung, morgen aus der anderen weht, darf man Gefühlen nicht nachkommen. Sie lassen sich verwalten, um Haltung zu erzwingen. Es geht nicht, dass hier alle zum Toben anfangen. Manchmal muss man sich einreden, dass man nicht gemeint ist.