© 2018 Ursula Knoll

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zum Stück

Joseph Roth und Stefan Zweig kommen als Gespenster in das Europa des Jahres 2019 zurück. Auf einer nächtlichen Zugfahrt von Wien nach London begleiten sie eine Literaturwissenschaftlerin und deren Praktikantin bei einer Forschungsreise.  Zwischen Tragik und Komik pendeln ihre Versuche,  sich zu den aktuellen Entwicklungen in einem Europa der Grenzregime und Sicherheitskontrollen zu positionieren. Es ist unklar, wohin der Zug fährt und wen er verbinden soll. 

Eine Komödie.

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Fotos: Franz Schauhuber

Eurostar

(2019)

Barbara Kadletz, Ursula Knoll

 

Szenische Lesung August 2019

Theaterfestival Hin & Weg

Tage für zeitgenössische Theaterunterhaltung

Litschau am Herrensee

Figuren

Veronika Wyberer, Literaturwissenschaftlerin

Anna, Praktikantin

Joseph Roth, Gespenst

Stefan Zweig, Gespenst

 

Ort                                                           

IC 72 und Eurostar, Strecke Wien – London

Bahnhof Brüssel

Bahnstation Calais

(Auszug)

Szene 12

Im Wald neben der Bahnstation Calais. Veronika und Roth stehen unschlüssig herum.

 

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ROTH

(zeigt auf einen Baumstamm) Schaun’S, da kann man gut sitzen.

VERONIKA

Was soll ich mich da in der Kälte in den Dreck setzen?

ROTH

Nur einen Moment.

VERONIKA

Also bitte, warum nicht.

Sie setzen sich nieder.

ROTH

Hören’S das?

VERONIKA

(lauscht konzentriert) Da sind Eulen, oder?

ROTH

Was weiß denn ich?

VERONIKA

Hab ich lang nimmer gehört.

ROTH

Wie geht’s Ihnen denn jetzt?

VERONIKA

Na wie soll´s mir gehen?

ROTH             

Na, wie´S Ihnen halt geht.

Stille.

VERONIKA

(lacht) Ganz ehrlich? Eigentlich find ichs grad.... gut. Ich hab mich schon lang nimmer so gefühlt. Lebendig.

ROTH

Na schaun’S, das muss an der Luft liegen.

Stille

ROTH

(atmet tief ein) Eigentlich gar nicht schlecht, so am Land.

VERONIKA

Wie damals in der Au. Nach dem Sternmarsch sind wir da gesessen, so müd, aber glücklich.

ROTH

Nur es blast ein bisserl stark. Wind hab ich noch nie vertragen, der bringt mir alles durcheinander.

VERONIKA

Dreitausend Menschen in dem Wald, eigentlich mehr Köpfe als Bäume. Transparente, Wolldecken, Ketten und dieser grausliche Tee mit dem billigen Rum, das schmeck ich heut noch. Wann hab ich eigentlich aufgehört, Tschick zu wuzeln?  

ROTH

Das hat meine Mutter immer gesagt, der Wind, der über Galizien weht, ist bereits der Wind der Steppen.

VERONIKA

Und dann hat die Polizei  die Demonstranten verprügelt, für ihr deppertes Wasserkraftwerk, aber wir haben uns durchgesetzt, einfach durchs Zusammenhalten, schiere Präsenz, was soll sie denn machen, unsere Anna, so was geht heut nimmer. Wenn du dich heute an einen Baum kettest, reicht‘s eventuell für ein Selfie, und das war’s schon.

ROTH

Einmal müssen’S mit mir nach Brody.

VERONIKA

Bei der Pressekonferenz der Tiere, da haben wir’s gewusst, gewonnen. Der Nenning ist mit seinem Komorankostüm herumgehüpft, ich wollt die Unke machen, die war natürlich schon vergeben, der Hirsch sowieso. Aber Hauptsache sie haben meine Texte genommen und als ihre vorgelesen, das ärgert mich heut noch. 

ROTH

Machen Sie sich nix draus. Jetzt kommt man an Ihren Büchern eh nimmer vorbei.

VERONIKA 

(zynisch) Und das reicht?

ROTH

Wieso soll’s nicht reichen? Pause. Ich find ja, Biber wär Ihnen gut g‘standen.

VERONIKA

Wieso Biber?

ROTH

Na haben Sie sich keine Festung gebaut? Ich hab mir nur eine Rüstung zugelegt. Für die Festung war ich nie der richtige Menschenschlag. Ich schlepp ja schon genug an der Rüstung.

 

VERONIKA

Und? Hat das gereicht?

Stille

VERONIKA

Wissen’S, was der Treppenwitz ist? Ich war seitdem nie wieder in der Au.

ROTH

Versteh ich. Was soll man auch in einer Au? Aber denken’S drüber nach, Sie wissen, dass Sie jederzeit hingehen könnten.

Szene 3

Joseph Roth sitzt bei einer großen Schachuhr. Abwechselnd schlägt er mit der Hand auf den linken oder rechten Hebel. Er versucht die Zeit anzuhalten. Stefan Zweig schraubt einen Operngucker auseinander und setzt ihn wieder zusammen, das Staubkorn findet er nicht.

ZWEIG

Stefan Zweig. Manchmal sprech ich’s laut aus, wenn ich ganz alleine bin: Stefan Zweig, weil: Das ist die Überschrift, unter der ich stattfinde. Einer aufgeblähten Stopfleber gleich, jahrzehntelang angefüttert mit salbungsvoller Bedeutsamkeit und Interpretationen, rollt da diese Figur durchs Bild. Stefan Zweig, ja der platzt aus allen Nähten. Und ich sag mir dann halt immer, sei´s drum, ein jeder spielt seine Rolle und da mach ich ihnen eben den Gott-sei-bei-uns des Humanismus und des Weltbürgertums. Und auch der gefälligen Literatur. Weil die kaufen das. Die lesen das. Immer noch!

ROTH

Da sitzt sie und schaut immer.

Da sitzt sie und schaut immer, und ich suche ein Wort schon seit einiger Zeit, das diesen Zustand beschreibt.

Ich glaub, es sind Assoziationen, vor allem Musik, manchmal ein Text. Ich will hinschauen und es wissen, aber ich erwisch es nicht.

Aber eins weiß ich: Du bist mir wirklich teuer zu stehen gekommen.

ZWEIG

Ich warte ja dauernd, dass sie mir auf die Schliche kommen. Denn seien wir uns ehrlich. Mehr als gut geschnitztes Handwerk wars ja nie. Na und? Für Genie bin ich nicht angetreten in der Welt. Es muss auch das vernünftige Mittelmaß geben. Denn wir Durchschnittlichen sind es, die alles zusammenhalten. Die die Scherben aufklauben hinter der Leidenschaft und der Entäußerung, der Unvernunft und der Maßlosigkeit.

ROTH

Diesen Zustand herstellen. Wie heißt das?

Aber nein besser: Zuerst ein Text, zuerst ein Text. Dann die verlorene Zeit.

Ich armer Mensch darf doch gar nicht nachdenken. Weil das bezahlt mir ja keine Getränke –  und die Miete schon gar nicht.

Ja, ich sage: das Nachdenken sollte verboten werden!

Lieber Kaiser, ich bitt` Sie, verbieten´ S doch dem alten Roth das Grübeln, damit er endlich schreiben kann. Ein paar Stunden nur, mehr verlang ich gar nicht, aber ich bin doch gar so arg im Verzug. Weil da laufen‘s schon wieder davon, meine Figuren, da hinten, verschwommen in meinem armen, müden Hirnkastl.

Weil ganz vorne kommst immer nur du vorbei – in deinem Kaffeehauskleid, so hast du´s immer genannt, weil du dich immer so mondän damit gefühlt hast. Und dann will ich mich doch immer zu dir dazusetzen. Immer wieder dazusetzen. Dabei hätt ich vorbeigehn sollen. Jetzt mach ich das. Ich geh vorbei und such nach meinen Figuren.

Heute geh ich vorbei.

Und dazu gönn ich mir was. Ein Achterl mehr in Richtung Vernichtung. Na und? Ich bin so frei die Hand zu heben, und schon schwebt ein liebes Getränk zu mir.

Zurück kann ich eh nimmer. Zu spät geboren, alles verloren.

Schau an, wie sich das reimt!

 

ZWEIG

Ich wollte doch immer nur frei sein. Aber: Schwan-kleb-an- schon wieder hing einer mehr an mir und so viele Haken kannst du gar nicht schlagen, trotzdem werden sie dich immer wieder aufspüren und dir zu Ehren einen Empfang geben oder dich um einen Gefallen bitten. Und das ist dann eben meine Pflicht- brav sein. Weil: Ich bin`s.

Musste ja mein Lebtag lang immer nur den Mund öffnen und da ist er schon hinein geflossen, der süße Brei. Und dahinter nachgeflogen allerlei Gesottenes und Gebratenes. Ich habe nicht darum gebeten. Aber so war es halt. Wie hat der Roth es genannt? Ich wär` ein vom Glück Gesegneter. Da heißt es eben brav sein. Und die Autographen anderer sammeln. Deren Sonne anbeten. Und überleben, das heißt dann auch zu helfen. Aber auch hier: niemals genug. Und am Ende sind dann alle tot und nur ich bin immer noch da, diktiere Belanglosigkeiten, dazu verdammt für immer an der Seitenlinie zu stehen und zuzuschauen. Und mir die Seele aus dem Leib zu schreiben. Ich kann es formulieren, singen, flüstern und brüllen- aber niemand hört mich an, ich schreie ohne Stimme, gestikuliere ohne Körper und das mein Lebtag lang. Heute, ja, da finden sie mich visionär, feiern meinen Weitblick, well, dann lasst mich nur eurer Projektionsflächenposterboy sein! Draus gelernt wird trotzdem nix. Hier spricht die Gutmenschenagentur Stefan Zweig, was kann ich für Sie tun?

ROTH

Sie sagen Maßlosigkeit. Aber die ist erlaubt, so gut wie alles andere. Ich greife zu.

Ich verspreche: ich vergess dich nicht, aber wo bleib ich dabei? Was ist Gesellschaft und was bin ich? Man muss diesen Zustand herstellen, wo mir die Vokabel fehlt, ich suche diesen Zustand, um mich von Widerständen zu befreien.

Die Rechnung? Ist doch eh immer zu teuer. Aber im Irrationalen rational sein, im Wahn, im Wollen, wie soll der Schritt zurückgehen? Woher soll der Antrieb kommen?

Erinnere auch schlecht die Auslöser.

Ich wurde geliebt, ja.

Kindheit, ja.

Aber dann! Durch den Rest dieser grausamen Welt alleine gehen? Da braucht man doch eine ordentliche Rüstung und einen treuen Sekundanten!

Und weil ja alles immer auf Gegenseitigkeit beruht, will ich mich nicht lumpen lassen: da geb ich halt mein Leben her, sei´s drum! Zeit gegen Zeit. Eine faire Geschichte. Da muss ich mich halt jetzt mehr beeilen, weil lang geht sich‘s eh nimmer aus.