© 2018 Ursula Knoll

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Berta Pölz wurde am 23.10.1894 in Wien geboren. Sie war Arbeiterin und seit ihrem zehnten Lebensjahr in der Sozialdemokratie organisiert. Sie beteiligte sich führend an der Organisierung des Jännerstreiks 1918 und wirkte als Herausgeberin der Zeitung "Der Freie Arbeiter und als Gründungsmitglied der Förderation Revolutionärer Sozialisten Internationale (F.R.S.I.). 1938 floh sie vor den Nationalsozialisten und überlebte deren Schreckensherrschaft als U-Boot in Paris. 

Leo Rothziegel wurde am 5.12.1892 geboren. Als Buchdrucker und Anarchosyndikalist beteiligte er sich führend an der Organisation des Jännerstreiks 1918, an der Roten Garde und der Föderation Revolutionärer Sozialisten International (F.R.S.I). Nach der Ausrufung der Räterepublik in Ungarn zog er mit 1200 Freiwilligen mit zu wenig Maschinengewehren und Zigaretten nach Ungarn und fiel am 22.04.1919 in Debrecen im Kampf gegen konterrevolutionäre Interventionsgruppen, gemeinsam mit 720 weiteren Revolutionären aus Wien.

Hilde Wertheim, geborene Hofmann, fungierte als Chefredakteurin der Zeitschrift Der Freie Arbeiter. Als ausgebildete Lehrerin beteiligte sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Johannes führend am Jännerstreik 1918 und engagierte sich als Gründungsmitglied der Föderation Revolutionärer Sozialisten Internationale (F.R.S.I.). Hilde Wertheim überlebte den Nationalsozialismus in der Emigration, während ihr Mann Johannes am 29.9.1942 in Auschwitz ermordet wurde.

Franz Wippel wurde am 17.2.1890 in Vöslau als unehelicher Sohn der Adelheid Wippel geboren. Er war Monteur und Mitbegründer der Roten Garde und der Förderation Revolutionärer Sozialisten Internationale (F.R.S.I.). Er wirkte vor allem in der Arbeiter_innenbewegung in Vöslau und im Steinfeld. Am 28.10.1920 wurde er zu vier Jahren schweren Kerkers wegen Verbrechen gegen das Sprengmittelgesetz und wegen Erpressung verurteilt. Am 16.12.1944 ermordeten ihn die Nationalsozialisten in Dachau.

zum Stück

1918 flammte auch in Wien die Rätebewegung auf: Selbstverwaltung, Herrschaftsfreiheit, Schluss mit der repräsentativen Politik! Anlässlich 100 Jahre österreichische Rätebewegung begibt sich das Papiertheater Kollektiv Zunder mit dem Papiertheaterstück Pannekoeks Katze auf eine Spurensuche in Wien und Umgebung.

Die Rätekommunist_innen Leo Rothziegel, Berta Pölz, Hilde Wertheim und Franz Wippel sind die Protagonist_innen des Papiertheaterstücks Pannekoeks Katze – der Titel nimmt Bezug auf den gleichnamigen Theoretiker des Rätekommunismus und auf das Symboltier des Wilden Streiks, die schwarze Katze. Oder handelt es sich hierbei vielleicht doch um Schrödingers Katze? Die handgefertigte Darbietung erzählt von der kurzen und produktiven Phase der Wiener Rätebewegung, von der Vielfältigkeit ihrer politischen Zusammensetzung, den sich auftuenden politischen Freiräumen und dem Aufflackern der Idee einer herrschaftsfreien Gesellschaft.

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weitere Aufführungen:

Kunstpavillon Innsbruck, März 2019

Theater Blaue Maus, München, Dezember 2019

Literaturfestival Sprachspiele, Meran, Oktober 2019

1/1

Fotos: Daniel Jarosch

Theaterstück veröffentlicht in:

Anna Leder, Mario Memoli, Andreas Pavlic (Hg.): 

Die Rätebewegung in Österreich

Von sozialer Notwehr zur konkreten Utopie

Wien/Berlin: Mandelbaum Verlag 2019

Marx sprach von Räten als der »endlich entdeckten Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen kann«, Hannah Arendt von einem System, das »selbst nur offenbar wiederholte, was sich bereits vorher ereignet hatte, ohne dass man jedoch von einer bewussten Nachahmung oder einer noch so vagen Erinnerung des Vergangenen sprechen konnte«. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 organisierten sich hunderttausende ArbeiterInnen und Sol­daten in Räten – sowohl als Akt sozialer Notwehr angesichts des durch den ersten Weltkrieg verursachten Elends, aber auch im Sinne der Idee einer dauer­haften emanzipatorischen gesellschaftlichen Alternative.
Der Band versammelt Texte zur Geschichte der Rätebewegung in Öster­reich, ihr Verhältnis zu den Bewegun­gen in Ungarn und Deutschland, zur ­Rolle der Frauen in der Rätebewegung, zur psychoanalytischen Dimension dieser »Gemeinschaft der Brüder«, zu auto­didak­tischem Schreiben und dem Publikationswesen dieser Zeit und nicht zu­letzt zu ihrer Verbindung zu heutigen sozialen Bewegungen.

Pannekoeks Katze - Die Sache mit den Räten

Ursula Knoll, Andreas Pavlic, Eva Schörkhuber

UA September 2018

WienWoche

Das Papiertheater Kollektiv Zunder brennt für libertär-emanzipatorische Politiken und macht Theater an der Schnittstelle von Geschichte, Aktionismus und Medienkunst.

Bühnenbild, Animationen und Regie: Nicole Szolga
Grafik und Illustration: Martina Bartik
Visual effects: Juri Haumer
Stückentwicklung: Ursula Knoll, Andi Pavlic, Eva Schörkhuber
Bühne und Recherche: Peter Haumer
Wissenschaftlicher Beirat: Robert Foltin, Brigitte Rath
Produktion: Anna Leder
Musik: Lina Neuner
Besonderer Gast: cyberrudi
Produktion: WIENWOCHE 2018
Kooperation: Bezirksmuseum Leopoldstadt

(Ausschnitt)

 

Der Gedankenstrich   ̶   kennzeichnet Erzählpassagen; diese Stellen können von verschiedenen Figuren gesprochen werden.

 

Szene 1

11. Jänner 1918

Berta  und Hilde stehen vor dem Cafe Stefanie. In der Druckerei im Inneren des Hauses druckt Leo Flugblätter. Auf der Brücke steht ein Wachmann. Die Lampen werfen seinen Schatten bedrohlich in Richtung der beiden Frauen.

 

Hilde                                    

Schau dir an, wie das runterhängt. Das Kleid hat mir mal gepasst wie angegossen. Jetzt  kann ich einen Stoß Flugblätter reinstopfen.

 

Berta                   

Na soll wer sagen, die revolutionären Arbeiterinnen sind nicht gut vorbereitet. Da, wo mein Busen war, krieg ich jetzt zwei Stöße rein.

 

Hilde                    

Du musst deinen Mantel nähen. Ist ja ganz aufgerissen, beim Ärmel, ziehts dir da nicht? Krank wirst mir noch.

 

Berta                   

Kriegst irgendwo an Zwirn? Ich hab alles, was gangen ist, schon im 16er Jahr aufgetrennt.

 

Hilde                   

  ̶  Berta Pölz hebt den linken Arm, stopft mit der rechten Hand die wegstehenden Stoffzipfel in die Achselhöhle.

 

Berta                   

Schau, hat der Hunger auch was Gutes, das wär früher nicht gangen. Und warm halten tuts dann auch, das Papier.

 

Hilde                   

Sag doch was. Ich kann was auftreiben, ich mach dir das morgen. Bringst ihn mir vorbei. Berta, hörst?

 

Berta                   

Pscht.

 

Hilde                    

Was is denn?

Berta                   

Siehst ihn nicht, den Wachmann?

Hilde                    

Wo?

Berta                   

Auf der Brücke, dort.

Hilde                   

Steht der da schon die ganze Zeit?

Berta                   

Starr nicht so hin.

Hilde                   

Hat der was gsehn?

Berta                   

Wenn ich sag, ach Exzellenz, dann huschen wir rein.

Hilde                    

Was sagst?

Berta                                   

Na das Geheimwort.

Hilde                    

Was soll das sein?

Berta                   

Schau mich an.

Hilde                   

Beobachtet der uns schon die ganze Zeit? Warum hast denn nichts gesagt? Kommt der jetzt auf uns zu?

Berta                   

Der dreht sich schon wieder um.

Hilde                   

Und du wachelst auch noch mit dem Arm.

Berta                   

Der tut uns schon nix.

Hilde                    

Was machen wir denn jetzt?

Berta                   

̶  Hilde Wertheim steigt nervös von einem Fuß auf den anderen. Berta Pölz nimmt sie in den Arm.

Hilde                   

Lass mich, was machst denn, das fallt ja noch mehr auf.

Berta                   

Tu so, als hättest einen Schwächeanfall.

Leo                      

  ̶  Berta Pölz hält Hilde Wertheim im Arm. Sie steckt die Finger in den Mund, pfeift dreimal kurz, einmal lang.

Hilde                    

Bist narrisch? Holst ihn jetzt auch noch her?

Berta                   

Na ich muss ja dem Leo Bescheid geben.

Hilde                    

Jetzt kommt er.

Franz                   

̶  Hilde Wertheim krümmt sich zu Boden, Berta Pölz hält sie fest. Der Wachmann blickt kurz von seinen Stiefeln auf. Kalt ist es, zwei Frauen stehen am Gehsteig, die eine sorgt sich um die andere. Er dreht sich um, geht in Richtung Innenstadt. Er zählt nicht mehr mit, wieviele Menschen pro Dienstgang vor lauter Hunger in sich zusammenfallen. Kinder, Frauen, sogar gestandene Männer. Es findet sich immer jemand, der ihnen aufhilft. Wir sind die Sieger, und uns gebührt die Palme! Er hat Recht, der General in Brest-Litowsk. Das ist schon eine zähe Nation.

 

Berta                   

(flüstert) Ach Exzellenz, Sie werden die Revolution bekommen.

 

Im Inneren der Druckerei. Leo steht an den Maschinen, Berta und Hilde begrüßen ihn. Laut ist es, sie verstehen sich kaum.

 

Hilde                   

  ̶  Arbeitendes Volk! Dreieinhalb Jahre dauert dieser menschenmordende Krieg. Wird er fortgesetzt, um „Haus und Hof“ gegen „Feinde“ zu schützen? Haben wir – das arbeitende Volk – Feinde? Sind nicht die italienischen, die serbischen und rumänischen Arbeiter und Bauern unsere Brüder? Sind sie nicht ebenso ausgebeutet und unterdrückt wie wir?

Berta                   

Lasst mich wieder los, Leo?

Leo                      

Na wenn ich meine Berta endlich wiederseh.

Hilde                    

Wir müssen uns beeilen.

Leo                       

Hast mich vermisst?

Berta                   

Na was sonst?

Leo                      

Und wen haben wir da?

Berta                   

Hilde Wertheim.

Leo                      

Die Hilde! Die Berta redet ja von nichts anderem.

Berta                   

Das ist der Leo Rothziegel.

Hilde                    

Freut mich.

Leo                       

Und seit sie mit dir diese Zeitung macht, ist sie ganz verschwunden.

Hilde                    

Das sind die Flugblätter?

Leo                       

Der Koritschoner und ich sind die ganze Nacht gesessen.

Hilde                    

Welcher Streik wartet schon auf seine Helden.

Leo                       

Jetzt versteh ich, was du an ihr findest.

Berta                   

Wirst leicht noch eifersüchtig?

Leo                       

Bin ich das nicht immer?

Hilde                    

Wo liegen die fertigen? Wir müssen uns beeilen.

Franz                                  

  ̶  Drei Tage später verteilt Franz Wippel in der Kammgarnfabrik Vöslau das druckfrische Flugblatt unter den Streikenden. Nein! Dieser Krieg wird nicht  fortgeführt, um Haus und Hof gegen „Feinde“ zu schützen. Dieser Krieg wurde entfacht, um den Kapitalisten neue Länder einzubringen, um das arbeitende Volk ganz der Gewalt des Staates auszuliefern!

Hilde                    

Die bringen wir in den neunten?

Leo                                       

Nein. Daimler Motoren-Werke in Wiener Neustadt.

Hilde                    

Was? Wiener Neustadt? Heut noch?

Leo                                       

Der Streik wartet auch nicht auf seine Heldinnen.

Hilde                                    

Berta, hast du nicht gesagt, du gehst zur Munitionsfabrik Roth nach Favoriten  und wir treffen uns dann in Währing?

Leo                       

Leobersdorfer Maschinenfabrik. Wöllersdorfer Munitionsfabrik. Schöllerwerke Ternitz. Kein Hungerkrawall mehr, sondern ein richtiger Streik.

 

Hilde                    

Fahrt da noch ein Zug?

Leo                       

Die Bögen dort sind gleich fertig.

Hilde                    

Was? Jetzt müssen wir hier auch noch warten?

Leo                       

Ich mag so resche Frauen.

Hilde                    

Wie schön für Sie.

Leo                       

Da werdns schaun, in den Fabriken, die Genossen, wenn die Damen so auf den Putz haun.

Berta                   

Geh Leo, was sekkierst denn wieder? 

Hilde                    

Was? Du verteidigst ihn noch?

Leo                       

Die Auflehnung der proletarischen Massen gegen den imperialistischen Krieg! Jetzt wird das eine große Sache.

Hilde                    

Und die Tausenden streikenden Frauen waren nix?

Berta                   

Das ist halt der Leo.

Hilde                    

Und der hat einen Freibrief? Zuerst sollten sich die proletarischen Massen gegen die Frauenverachtung wehren. Wer hat denn die Hungerstreiks organisiert? Wer leistet denn Widerstand, zwei lange Jahre jetzt schon?

Berta                   

Kommts Kinder, gut is. Draußen lauft der Wachmann herum.

Leo                       

Der hält mich eh für einen Streikbrecher. Der bewacht mich, dass ich nix Böses tu.

Hilde                    

Dran sind wir dann aber alle.

Leo                       

Das ist richtig revolutionäres Feuer. Gfallt mir.

Hilde                    

Und das ist dein Freund?

Franz                  

  ̶  Eine junge Arbeiterin läuft durch die Kammgarnfabrik, drückt die Flugblätter in jede Hand. Franz Wippel hält eine Rede. Zwischenrufe unterbrechen ihn. Applaus schwillt an.

Berta                  

  ̶  Arbeitende und denkende Männer und Frauen! Wir rufen euch zum Kampf für Frieden und Freiheit! Vereinigt euch wie eure russischen Brüder! Wählt Arbeiter- und Soldatenräte!

Franz                  

  ̶  Ein Arbeiter wird ohnmächtig. Das Mehl ist weiter rationiert worden. Eine Gruppe von anderen Arbeitern trägt ihn in eine Fabrikshalle. Sie legen ihn auf einen Haufen Kammgarn. Zum Kampf für den sofortigen allgemeinen Frieden!

Leo                       

̶  Zum Kampf für politische und soziale Freiheit! Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung! Zwei Arbeiterinnen stecken die Köpfe zusammen. Im tosenden Applaus verstehen sie sich kaum.

Hilde                    

̶  Franz Wippel sieht über die Menge. Ausgezehrte Menschen in geflickten Mänteln, der schöne Kammgarn steckt in den Uniformen, die bald in Stücke zerfetzt werden, durchsetzt mit Blut und menschlichem Fleisch.

Franz                  

  ̶  Ein älterer Arbeiter klopft ihm auf die Schulter. Am Fuß des Podiums wartet die nächste Rednerin,  Franz Wippel nickt mit dem Kopf, bewegt sich nicht. Seine Füße sind wie angewurzelt, sein Blick hat sich festgeheftet, die Rednerin drängt ihn sanft zur Seite. Die Menschen brennen, ja, da ist eine Kraft. Als ob der schwere Jännerhimmel ein Stück aufreißen würde.