© 2018 Ursula Knoll

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zum Stück

Elyas und Tara sind Geschwister. Sie haben  zusammen gerne Menschen irritiert, um sie so zum Nachdenken zu bringen. Und Tara hat so ihren Mut entdeckt. Nun will sie Coach werden. Weil Leistung Spaß macht. Und sie hat sich verliebt. Seitdem sieht ihr Leben anders aus. Elyas kann das alles nicht verstehen. Er tritt auf die Bremse. Schluss mit Schule, Schluss mit Leistung. Das kann doch unmöglich alles sein. Da entbrennt ein heftiger Konflikt zwischen den ehemals so nahen Geschwistern um Sozialschmarotzertum, Durchschummeln, Prinz sein und der großen Frage, was der Sinn von Allem ist.

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Ich, Parasit

Klassenzimmertheater

Regie: Dana Csapo

Schauspiel: Zeynep Alan; Cadgas Sahan

UA 2018

(April-Juni Wiener Schulen; Juni 2018: Brunnenpassage Wien; Jänner 2019; WA Mai und September 2019: Dschungel Wien)

(Auszug)

 

 

Ein Klassenzimmer.

Elyas sitzt an einem Tisch, mit dem Kopf auf dem Rucksack, Kopfhörer in den Ohren.

Tara stürmt in die Klasse.

 

TARA                

Elyas?

(blickt sich um)

Ist das dein Ernst?

Stille

(blickt auf ihr Smartphone)

Super. 12 Minuten.

Stille

Du erklärst ihr das.

Stille.

 

Tara geht zu Elyas und reißt ihm die Kopfhörer aus dem Ohr.

 

TARA                   

Spinnst jetzt ganz? Die wartet auf uns.

 

ELYAS                    

fädelt die Kopfhörer ordentlich auf, entwirrt das Kabel.

Reiß nicht daran, die werden ja kaputt.

 

TARA            

Was sagen wir der, das ist ja peinlich.

 

Tara zieht ihm den Rucksack unter dem Kopf weg.

Elyas nimmt den Rucksack und legt ihn sich wieder unter den Kopf.

 

TARA                                     

Na die wird große Lust haben, dir weiterzuhelfen, wenn du nicht einmal den Termin pünktlich einhalten kannst.

 

ELYAS                   

Jetzt chill mal, ok?

 

TARA                      

Wo warst du?

 

Elyas steckt sich die Kopfhörer wieder in die Ohren.

 

TARA                                  

Wieso gehst du nicht ran, wenn ich dich anruf? Ich steh da 30 Minuten deppert herum, warte auf dich, kein Ton von dir, gar nichts.

Stille

Whatsapp, Sms. Schon mal gehört?

 

ELYAS                 

Keine Zeit.

 

TARA                 

Jetzt nimm diesen Scheiß aus den Ohren.

 

ELYAS                     

Das ist K.I.Z.

 

TARA                     

Ich rede mit dir.

 

ELYAS                

Ich hör dich, ok?

 

TARA                              

Komm, 2. Stock. Denk dir was aus.  U-Bahn ausgefallen wegen einer Störung, oder in der Aufregung verfahren. Katze noch zur Tierärztin gebracht. Der kranken Mutter noch schnell den Einkauf erledigt. Einer Touristin den Weg erklärt.

 

ELYAS                

Wieso soll ich die anlügen?

 

TARA                      

(wachelt mit dem Smartphone) 15 Minuten!

 

Elyas geht zum Lehrerinnentisch, setzt sich hin. Nimmt einen Zettel heraus, streckt ihn einer unsichtbaren Person hin.

 

ELYAS                   

Bitte sehr, hier meine Unterlagen.

(setzt sich auf die Direktorinnenseite, begutachtet den Zettel, dreht ihn hin und her)

Da ist ein Loch.

(setzt sich auf die Schülerseite)

Das Loch rührt von einer unangenehmen Begegnung mit einem Feuerzeug.

(setzt sich auf die Direktorinnenseite)

Sind Sie immer so ungeschickt?

(setzt sich auf die Schülerseite)

In der Regel bin ich sehr aufmerksam.

(setzt sich auf die Direktorinnenseite)

Na gut, Herr (geht mit dem Finger die Zeilen ab) Arslan, es geht ja darum, dass Sie Fuß fassen. So ein intelligenter, junger Mann wie Sie. Nach dem Lehrabschluss stehen Ihnen zahlreiche Karrierewege offen, Sie müssen an sich glauben. Top-Ausbildung, attraktives Gehalt, Aufstiegschancen, krisensichere Zukunft, Sie müssen ja etwas aus Ihrem Leben machen. Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Das Gespräch wird nicht allzulange dauern. Fangen wir an. Alter?

(setzt sich auf die Schülerseite, wie ein braver Schuljunge, nickt)

Vorhanden.

(setzt sich auf die Direktorinnenseite, blickt kurz auf, schüttelt den Kopf, kritztelt irgendwas auf den Zettel)

Nationalität?

(setzt sich auf die Schülerseite)

Suchen Sie sich eine aus.

(setzt sich auf die Direktorinnenseite)

Die bringen Sie dann nach. Also weiter. Akzeptieren Sie Regeln, ohne sich zu beschweren, und würden Sie diese auch nie vorsätzlich brechen?

(setzt sich auf die Schülerseite, wie ein braver Schuljunge, nickt)

Im Großen und Ganzen ja.

(setzt sich wieder auf die Direktorinnenseite)

Im Verkauf gilt das Recht des Stärkeren. Sehen Sie Kolleginnen und Kollegen als Konkurrentinnen und Konkurrenten in einer Welt des Konkurrenzkampfes?

(setzt sich auf die Schülerseite)

Äh, nein. Ich denke,... (wird unterbrochen)

(setzt sich wieder auf die Direktorinnenseite)

Sie können mit Kritik umgehen und akzeptieren Ihre Schwächen?

(setzt sich auf die Schülerseite, nickt ganz eifrig)

Ja.

(setzt sich wieder auf die Direktorinnenseite)

Glauben Sie, dass jeder seinen Platz in der Welt hat?

(setzt sich auf die Schülerseite, zuckt mit den Schultern)

(setzt sich wieder auf die Direktorinnenseite)

Erfolg und Fortschritt sind Ihre obersten Ziele?

(setzt sich auf die Schülerseite, schüttelt stumm den Kopf)

(setzt sich wieder auf die Direktorinnenseite)

Sehr schön. Das heißt natürlich auch, ab und zu nachtaktiv zu werden.

(setzt sich auf die Schülerseite)

Von welcher Häufigkeit darf ich ausgehen?

(setzt sich auf die Direktorinnenseite)

Schlafen können Sie, wenn es sich ausgeht.

(setzt sich auf die Schülerseite)

Aha. Ich verstehe. Weil gestern früher ist als morgen.

(setzt sich auf die Direktorinnenseite)

Na schauen Sie, so gefallen Sie mir. Sieht man doch gleich, das Talent, das in Ihnen steckt. Deutsch mindestens B1. Jeder hat ein Recht auf eine Chance (fährt wieder mit dem Finger über das Blatt), ah, na gut, eine zweite Chance, aber ein zweiter Lehrabbruch, Sie wissen schon, irgendwann sind wir dann nicht mehr so kulant, Sie wollen doch nicht, dass Sie auf die Straße gehen, und die Leute zeigen auf Sie, Leistungsverweigerer, entschuldigen Sie bitte, dass ich das so offen ausspreche, aber Offenheit ist ja der Grundsatz, also nicht nur unser Ausbildungsgrundsatz, nein, ein Lebensgrundsatz

(setzt sich auf die Schülerseite, nickt ununterbrochen, Hände in Betstellung)

Wenn es Kanonen für Tauben gibt, muss man auch auf Spatzen schießen.

(setzt sich wieder auf den Direktorinnenplatz)

Na das freut mich, dass Sie da so engagiert sind, und ich sehe Ihrem Gesichtsausdruck schon an, dass Sie verstanden haben, was wir uns erwarten, 100% Mitmachwille, alle derzeit verfügbaren Zeugnisse mitbringen, pünktliches Erscheinen, Bewerbungsschreiben 30x griffbereit vorbereitet, Dresscode Hemd, Hose, Sakko, viel Spaß und Freude dabei, „ich will statt du sollst“, 150% Arbeitsbereitschaft

(setzt sich auf den anderen Platz, macht auf dressiertes Eichhörnchen, steigert sich hinein, lässt sich vom Sessel fallen)

 

Stille.

 

TARA                                 

Gut, soll ich jetzt allein da hoch gehen und ihr erklären, dass du eine eitrige Angina hast, dass es dir furchtbar leid tut, dass wir vielleicht einen neuen Termin finden können?

 

ELYAS                  

Das Ganze ist sowieso sinnlos.

 

TARA                  

Sinnlos, ja? Du hast gesagt, du schaust es dir an.

 

ELYAS                   

Tu ich ja.

 

TARA                   

Nein, ernsthaft.

 

ELYAS                     

Ich bin da, ok?

 

TARA                    

Und das reicht?

 

ELYAS                                    

Ja, genau. Wieso soll das reichen, einfach nur dazusein? Sitzen, Schauen, Hören. Verdauen. Denken. Fühlen. (riecht an den Achseln) Schwitzen. Atmen. Zu wenig. Nicht gut genug. Nicht schnell genug. Nicht effizient genug. Nicht pünktlich genug. Nicht leistungsorientiert. Zu faul. Schmarotzer. Peng. Peng. Peng.

 

TARA                     

Du hast mir versprochen, du ziehst das durch.

 

Elyas schweigt.

 

TARA                     

Und jetzt?

Stille.

TARA                                  

Ich setz mich für dich ein, organisier den Termin mit der Direktorin, halt dir anne vom Leib. Und für dich ist das wieder so ein Witz im Universum.

 

ELYAS                   

Hurra, diese Welt geht unter!

TARA

Siehst du nicht, was grad passiert?

ELYAS            

So viel, wie jeden anderen Tag auch.

TARA             

Genau. In deiner Welt nichts.

ELYAS                 

Nach deinen Maßstäben bemessen, wahrscheinlich schon.

TARA                   

Du hängst den ganzen Tag rum.

ELYAS                 

Dabei wäre es doch besser, dieser Wurscht nachzurennen.

TARA              

Was für einer Wurscht?

ELYAS                           

(schnappt wie ein Hund nach einem imaginären Stock, rennt durch den Raum) Der, die vor deiner Nase hängt. Und vor meiner. Und vor jeder von diesen Nasen hier. Wenn du nur brav der Wurscht hinterherrennst, darfst du am Ende vielleicht ein bisserl reinbeißen. In den Erfolg. In den Schulabschluss. In die Selbstverwirklichung.

TARA                    

Es ist natürlich viel gescheiter, den Kopf in den Sand zu stecken.

ELYAS                   

Dann hab ich wenigstens nicht mitgemacht.

TARA                   

Also bist du was Besseres?

ELYAS              

Nein.

TARA               

Also gelten die Regeln nur für die anderen?

ELYAS                         

Man muss doch nicht jeder Regel folgen, nur weil alle so tun, als wär das das einzig Mögiche auf der Welt.

TARA                     

Was ist schlecht an einem Schulabschluss?

Elyas hat die Wurst gefangen. Er geht zum Lehrerinnentisch, setzt sich hin, streckt die Wurst der unsichtbaren Person hin.

(setzt sich auf die Direktorinnenseite, begutachtet die Wurst, dreht sie hin und her, riecht daran)

Riecht gut. Sehen Sie, war das jetzt eigentlich so schwer? Mit ein bisschen Disziplin, Durchhaltevermögen und dem Vertrauen, das wir Ihnen vorgestreckt haben, hat sich der Motor doch leicht starten lassen, der Sie vorwärts bringt. Lehre absolviert, gleich ins Berufsleben eingestiegen, so gefallen Sie mir! (beißt in die Wurst hinein). Und, was sagen Sie denn?

(setzt sich auf die Schülerseite)

Ich weiß es nicht.

(setzt sich auf die Direktorinnenseite, kaut an der Wurst)

Wie, Sie wissen es nicht? „Das traue ich mir zu, das passt zu mir, da will ich hin!“, das muss man sich einfach jeden Tag sagen.

(setzt sich auf die Schülerseite)

Ich hab einfach keine Vorstellung davon, wie ich später sein möchte.

(setzt sich auf die Direktorinnenseite)

Aber jetzt sind Sie doch schon mitten drin.

(setzt sich auf die Schülerseite)

Eben. Ich hab keine Vorstellung davon, warum ich da eigentlich jeden Tag in die Arbeit gehe.

(setzt sich auf die Direktorinnenseite)

Das müssen Sie auch nicht. Hauptsache, Sie sind pünktlich.

(setzt sich auf die Schülerseite)

Warum soll ich jeden Tag 12 Stunden lang was vollkommen Sinnloses tun?

(setzt sich auf die Direktorinnenseite)

Ich jedenfalls freue mich für Sie (schluckt runter, wischt die Wurstfinger an der Hose ab, reicht die Wurst zur Schülerseite). Wollen Sie den Rest?

(setzt sich auf die Schülerseite und kotzt auf den Tisch)

 

Stille.

TARA

Du wirst immer eigenartiger.

[...]