Ursula Knoll

Sneaker Story

(2011)

 

Meine Nase habe ich von meinem Vater, wie auch seinen Namen, nicht den burgenlandkroatischen mütterlichen, sondern den deutsch anmutenden väterlichen, der sich durchgesetzt hat, nachdem die beiden in Wien aufeinandergetroffen und auseinandergegangen sind, das ist jetzt eine Weile her, der Name also und ich, die wir hier nicht loskommen wollen, die wir hier immer wieder stranden, die wir uns festgesetzt haben, wir haben es manchmal schwierig, ja, wir zerren aneinander, meine Nase und ich, ebenso wie mein Name und ich, der Name von meinem Vater, mein Vater als Ganzes und ich, vielleicht auch unbestimmt schon aufs Raufen ausgerichtet, denn etymologisch leiten sich alle Namen, die mit kn beginnen, von etwas Knollenähnlichem her, etwas Kleines, schief Gewachsenes, in sich Zusammengezogenes, Unförmiges, wie eben Knolle, Knorpel, Knoten, Knie, Knarre, Knutschfleck, Knautschzone, hier spießt sich diese These schon mit sich selbst, in jedem Fall aber meine Nase, auf meine Nase trifft das zu, die hätte wirklich schlichter ausfallen können, eleganter, schmaler, wie die neuen Sneakers, die in meinem Vorzimmer stehen, die mir, wenn ich in Wien Landstraße in die U-Bahn steige, den Schick des Androgynen und Jugendlichen geben, während ich zwischen die Menschen gequetscht ein Buch lese, immer irgendwas mit feministisch und postmodern und queer oder lieber pervers, weil das die Wörter sind, die mit mir durchgehen, mit meiner Katze selbstredend auch, die sich auf die Tastatur setzt, während ich feministisch schreibe, sodass femininnnin herauskommt, was ich nie sein wollte, mit oder ohne neue Sneakers, die mich, wenn ich in Wien Favoriten wieder aussteige, all den geflüchteten Kids optisch ähnlich machen, die ich dann wenig später unterrichte, immer mit denselben Schuhen, immer mit derselben Freude über Schuhe, wie ich sie mit meiner Mutter teile, meine Mutter, die ganze Kästen voller Schuhe hat und die ihre Nase auch nicht mag, weil die einen Buckel macht, wie sie findet, an dem sich ihr ganzes Leben schief aufgehängt hat, wie sie findet, so elegant und schmal wie meine neuen Sneakers jedenfalls, über die meine Freundin nur lacht, was eine Beziehung aushalten muss, wie sie findet, die meiner Schwester hingegen mit Sicherheit gefallen und die meine Großmutter als Phase abgetan hätte, zwischen den Zeilen, meine zwei Säulenheiligen, die sich nie über meine Nase oder meine Schuhe geäußert haben, diese neuen Schuhe also, die sich leichter bekommen lassen als eine neue Nase, sind Ausdruck des nie abzuschließenden Prozesses, den ich mit meiner Mutter, meiner Freundin, meiner Schwester, meiner Großmutter, meiner Katze teile, die dasselbe versuchen wie ich, am Ende doch wieder auf die Füße zu fallen, nein, sich am Ende auf die eigenen Füße zu stellen, um dann in den U-Bahnschächten zu wandern, Nase und Zerren hin oder her.

(In: Süsse Madeln & andere Klischees zum Zerreißen. Edition Atelier 2016)

 
 

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